beitrag von: spud
West-Östlicher Jammer-Divan
Das Jammern ist ein Betriebsgeräusch der Schwermut. So wie das Winseln und Stöhnen ist es unmittelbarer Gefühlsausdruck und damit nahe den vegetativen Lebensäußerungen des Menschen. Aber nicht überall begnügt man sich mit solch niedrigem Niveau des Jammerns. Je weiter weg man sich von Deutschland, dem Zentrum vegetativer Jammerei, nach Osten bewegt, umso eindrücklicher steigert es sich zur Kulturleistung. Schon die Differenz zwischen deutschem und österreichischem Jammern bestätigt diesen Sachverhalt: Äußert sich deutsches Jammern als unförmige, zähe Klagemasse, so bekommt es in Österreich durch die passiv-aggressive Praxis des Raunzens Schärfe und oft auch einen Dreh ins Allgemeingültige.
Weiter östlich, in den slawischen Ländern und jenen des Orients, steigert sich diese Schärfe: Das Jammern nähert sich der Verwünschung, ja verbindet sich mit ihr und wendet sich ins Aktive. Zugleich werden all seine passiven, wehleidigen Gefühlsingredienzien ausgeschieden, um von Klageweibern berufsmäßig entsorgt zu werden. So kann das Jammern unbeschwert seiner Ursache an die Gurgel gehen.
Noch weiter im Osten orientiert sich die Jammer-Energie ins Innere der Menschen und kristallisiert zu ihrer entschlossensten Manifestation: Die Verbindung von japanischem Seppuko und Abschiedshaiku ist Ultima Ratio der Jammerei. Hier erleben wir das Jammern auf seinem höchstem Niveau. Mehr geht nicht.
review von: christiane rösinger