beitrag von: ALRiegraf
„Heute kein Heimweh“
„Statt Papa wirst du Opa sagen, denn seine Stelle ist verwaist und wirst du später nach ihm fragen, so sagen wir, er sei verreist.“
Sie betrachtete das gerahmte Gedicht. Dann drehte sie den Wasserhahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. „Heute kein Heimweh“, murmelte sie und setzte sich an den Esstisch. Erschöpft schob sie sich eine Handvoll Mandeln in den Mund und sah sich um: Notizen. Wie kleine Inseln lagen die gestapelten Papiere auf dem Boden verteilt und forderten sie heraus: Schreib doch mal wieder.
Sie senkte den Kopf und schloss die Augen. Sie dachte an die Pfingstrosen vor dem Haus, die in wenigen Tagen verblühen würden. An den uferlosen Wuchs des Efeus an der Tür. An die trägen Schritte des Dackels. An die frischen Gläser voll Quittengelee und daran, dass sie eines Tages auskühlen würden.
„Heute kein Heimweh“, murmelte sie wieder und warf ihr T-Shirt auf eine der Inseln. Lose Verse turnten durch ihre Gedanken, doch keinen einzigen wollte sie behalten.
review von: peter rosei
die atmo der unentschlossenheit, eines gewissen weltverdrusses kommt gut herüber, man folgt gern - wenn mir auch die funktion des spruchs: "heute kein heimweh" bis zuletzt nicht ganz klar wurde.