beitrag von: TseTse
Weihnachten mit Flann O’Brien
weihnachten mit Flann O'Brien
Es ist nicht allgemein bekannt, dass Weihnachten eine besonders gefährliche Zeit für Fahrräder ist. Ich sage das mit der nötigen Demut, denn ich selbst war Zeuge eines jener Abende, an denen das Unsichtbare beschloss, in die Stube zu treten – durch die Haustür, versteht sich.
Ich war an jenem Heiligen Abend auf dem Weg zu Flann, Beamter mit schwachem Herz und starker Trinker mit schwacher Leber aber – wie er selbst gern betonte – Hüter der vermutlich größten und vollständigsten Sammlung hochverdichteter, bizyklischer Antigravitation: die Dalkey Archive.
In meinen Händen hielt ich ein Geschenk, kunstvoll verpackt in rot-goldenes Papier, dessen Falten mich an etwas Unruhiges erinnerten. Darin befand sich, wie es sich gehörte, ein Fahrrad. Ich hatte es mit Bedacht gewählt: ein Modell von makelloser Geometrie, das förmlich nach Paradoxien roch.
Flann öffnete mir in einem Zustand milder Euphorie, die bei ihm kaum von einer schweren Entmutigung zu unterscheiden war. „Ah, du bist es!“, rief er. „Ich hoffte schon, du wärst der Milchmann¹, aber du bist mir beinahe lieber. Komm rein, der Whiskey hat heute den besten Charakter von uns dreien.“
„Ein Geschenk, sagst du?“, fragte Flann, als die Flasche halb leer war.
„Ein kleines, nichts Weltbewegendes.“
„Dann ist es genau richtig. Weltbewegendes macht mich nervös.“
Das Fahrrad stand – noch eingehüllt in sein festliches Gewand – unter dem Baum. Flann musterte das Paket mit jener skeptischen Zärtlichkeit, die er sonst nur de Selbys Thesen, Schwarzgebranntem oder Beamten gegenüber zeigte.
Gerade als wir uns auf die Bescherung vorbereiteten, klingelte es. Kein höfliches Klingeln, sondern ein entschlossenes, behördliches. Flann runzelte die Stirn.
„Das ist nie ein gutes Zeichen“, murmelte er und ging zur Tür.
Ein Polizist stand davor, groß, ernst, und mit dem Ausdruck eines Mannes, der mehr weiß, als er sagen darf – und weniger versteht, als er glaubt.
„Guten Abend, Mr O’Brien“, sagte er, „wir führen eine Routineüberprüfung durch. Es wurde berichtet, dass sich in dieser Gegend ... nun ja ... Gegenstände ungewöhnlicher Beweglichkeit befinden.“
„Hier bewegt sich höchstens mein Magen“, erwiderte Flann. „Kommen Sie rein, Inspektor, Sie sehen aus, als könnten Sie eine moralische Stärkung vertragen.“
Der Polizist trat ein, sah sich um, und sein Blick blieb an den Geschenken hängen. Er trat näher an eines heran – nicht an meines, sondern an ein längliches Paket, das verdächtig unverdächtig aussah.
Mit ernster Stimme fragte er: „Handelt es sich um ein Fahrrad?“
Flann und ich wechselten einen Blick.
„Nein“, sagte ich rasch. „Das ist ein Truthahn. Oder eine Lampe. Jedenfalls nichts, was zwei Räder hat.“
Der Polizist nickte langsam, als müsse er eine höhere mathematische Gleichung in sich selbst lösen.
„Gut“, sagte er. „Denn wenn es sich um ein Fahrrad handeln würde, müsste ich es beschlagnahmen. Sie wissen schon – wegen der Molekularkontamination.“
Er verneigte sich leicht, als sei damit alles erklärt, und verschwand wieder in die Nacht.
Wir blieben zurück. Eine lange Stille. Dann sagte Flann leise:
„Seltsam, dass er genau dieses Paket meinte.“
„Wieso?“
„Weil ich dein Geschenk schon seit Jahren besitze.“
Er lächelte, öffnete das Papier – und darunter war kein Fahrrad mehr, sondern nur die Idee davon, sauber gefaltet wie ein Gedanke, den man besser nicht zu Ende denkt.
Beim Verlassen des Hauses hörte ich aus der Ferne ein leises Klingeln. Es klang wie Gelächter – oder wie die Wahrheit, die sich kurzzeitig ein Fahrrad geliehen hatte.
¹ De Selby vertrat bekanntlich die Ansicht, dass Gegenstände mit „zyklischer Intention“ (darunter Uhren, Ventilatoren und Fahrräder) eine seelische Neigung zur Selbstreproduktion besitzen. In einem seiner weniger bekannten Briefe an einen Postangestellten in Limerick behauptet er, Weihnachten sei „eine kosmische Gelegenheit, bei der Zeit und Materie für einige Stunden denselben Takt verfehlen“. Dass Flann O’Brien diesen Satz wörtlich nahm, erklärt vieles, aber nicht alles.
review von: michael ziegelwagner
Vielen Dank für den ersten Beitrag! Eher eine Hommage als eine Parodie, aber das soll uns zum Fest der Versöhnung nicht stören. Es hat schöne, ironisch knisternde Formulierungen – das "festliche Gewand", in dem das Fahrrad steckt, die "höhere mathematische Gleichung", die der Polizist "in sich selbst lösen" muss. Oder dass man der Klingel anhört, wer vor der Tür steht. Oder dieser Vergleich: "sauber gefaltet wie ein Gedanke, den man besser nicht zu Ende denkt". Ob der Anfangsgedanke der Geschichte zu Ende gedacht ist? Ich habe nämlich nicht recht verstanden, warum Weihnachten nun für Fahrräder eine besonders gefährliche Zeit sein soll. Weil sie verschenkt werden und dadurch in Umlauf kommen, statt versteckt in Kellern zu stehen? Wären dann der Sommer, Frühling, Herbst nicht noch gefährlicher, wenn die Fahrräder benützt werden?
Es ist lange her, dass ich Flann O'Brien gelesen habe. Ob sein Stil getroffen ist, vermag ich deshalb nicht gut zu beurteilen. Auf inhaltlicher Ebene macht die Parodie/Hommage etwas Wichtiges: Sie liefert beiläufig mit, welche Stoffe ihr Vorbild behandelt (Fahrräder, Whiskey, Polizisten, Paradoxien, das Abheben des Textes ins Philophische spätestens beim platonischen Fahrrad am Schluss). Wollte man eine richtige (böse) Parodie schreiben, so müssten stilistische Eigenarten ebenfalls noch übertrieben werden, und zwar so sehr, dass auch der Uneingeweihte sie bemerkt. Auf der De-Sade-Grausamkeitsskala für literarische Parodie also nur 2/10 Punkten, O'Brien hätte sich vermutlich eher gefreut.
Achtung: „In meinen Händen hielt ich ein Geschenk, kunstvoll verpackt in rot-goldenes Papier, dessen Falten mich an etwas Unruhiges erinnerten.“ – Der Satz klingt, als wüsste der Schenker selbst nicht, was unter der Verpackung ist.
Ansonsten: Unterhaltsame Dialoge, ein sehr guter, ins Metaphysische kletternder Abschlussatz, der den Text "sauber faltet". Sehr gern gelesen, gerne mehr!