beitrag von: samya
wie jedes Jahr.
weihnachten mit ödon horvath
wie jedes jahr.
und endlich dann die scheinnacht. unheilig schlaflos. das laufhaus gegenüber leer. die vatis zuhause bei mutti. ein paar waren sie noch nie. alles dreckig verlogen. wenn da nicht dieses kind wäre. schon dreizehn. voll wissend. und immer die erste am sprung. auch an diesem feierlichen abend. es riecht nach geplatzten frankfurter würstl und süssem vertrocknetem senf. dem vater bleibt noch ein bier. die mutter sitzt am fenster. sie dreht die elektrischen kerzen ein und aus. leise grunzt sie in schleife ins nichts 'oh, wie lacht.'
review von: michael ziegelwagner
Das Milieu ist horvathsch. Ob der Ton stimmt? Ein wenig denke ich beim Lesen an Wolfgang Borchert. Würstl oder Würstln? Wenn Einzahl, dann Dativ. Und ist das dann, zusammen mit dem Senf, eine sexuelle Anspielung? (Oder bin ich durch die de-Sade-Parodie geistig versaut?)
Ich verstehe nicht ganz, wer hier spricht. Der allwissende Autor ist es vermutlich nicht, die starken Urteile ("alles dreckig verlogen") legen eine/n involvierte/n Erzähler/in nahe. Auch die Handlung erschließt sich mir nicht recht, ist das Kind von Vati und Mutti?
"Scheinnacht" wirft eine gute Doppelbedeutung ab. Gern alles ein wenig ausführlicher!