beitrag von: claudy
Für X
A ist eingeladen worden, weil man A kennt.
X ist eingeladen worden, weil X jemanden kennt, der jemanden kennt, der A persönlich kennt.
A an der Bar, für X ihr neuestes Buch signierend: „Du schreibst auch?“
X: „Äh, ja, ein bisschen. Kurzgeschichten. Nichts Großes.“
A: „So habe ich auch angefangen. Aber der erste Roman war damals schon fertig - hier.“ A tippt sich an die Stirn. „Bei dir bestimmt auch, nicht wahr?“
X verblüfft: „- “
A: „Möchtest du mir davon erzählen?“
X (geschmeichelt): „Echt jetzt?!“
A lächelnd: „Ja.“
Und X erzählt. Zuerst zögernd, dann immer sicherer und ausführlicher werdend.
Denn A ist eine gute Zuhörerin. A unterbricht X nicht, nickt nur ab und zu.
„Das wird gut“, sagt A schließlich. „Das wird sehr gut.“
X klappt noch in derselben Nacht den Laptop auf.
X schreibt. Konzentriert und hochmotiviert. Denkt immer wieder an As Worte.
Monate später hat X die Rohfassung fast fertig.
Xs erstes Buch wird. Gut. Sehr gut.
X spaziert zufrieden durch die Innenstadt.
Vor einer Buchhandlung bleibt sie stehen.
Neuerscheinungen. As Name groß auf einem Cover.
X kauft As neues Werk.
X liest es zuhause in einem Zug, liest die Endversion ihrer fast fertigen Rohfassung.
A hat Xs erstes Buch nicht gut, nicht sehr gut, sondern perfekt geschrieben.
Auf der dritten Seite steht: Für X.
X liest die Widmung x-mal.
X bleibt drei Tage im Bett.
Dann löscht X die Datei mit ihrer Rohfassung.
Am vierten Tag bringt X alle Bücher von A zum Altpapier.
Das Für-X-Buch wirft X zuerst hinein.
review von: franz adrian wenzl
Ich muss sagen, ich kauf die Geschichte nicht ganz, weil: Wenn A so gut schreiben kann, dann kann sie auch besser stehlen. Und wieso widmet sie X das Buch? Die einzigen Möglichkeiten, die mir einfallen sind:
a. Aus purem Hohn.
b. Sie denkt tatsächlich, dass sie X eine Freude macht.
Dazu dürfte sie aber nicht wissen, dass X auch schreibt (wenn auch eher erfolglos) & das ihr/sein Romanstoff "oben drin" ist. D.h. X dürfte vorher noch nicht als Autor/in eingeführt sein, sondern als Leser/in, die mit A ins Gespräch kommt, den Plot erzählt (aber mehr so "Ach ich bin sowieso kein Autor, aber wenn ich schreiben könnte, dann würde ich das hier schreiben...") & dadurch dann erst die Motivation zum Schreiben bekommt. Und A hätte so das Gefühl, dass Sie ernsthaft etwas Tolles für X macht, weil der/die hätte das eh nicht geschrieben...
Oder bin ich da komplett auf dem Holzweg?
Oder ist das so gedacht, dass A sich so weit über X sieht, hierarchisch, dass sie X überhaupt nicht als Autor wahrnimmt (dagegen spricht allerdings der Dialog bei ihrer Begegnung) & für sie nur denkbar ist, dass es für jeden eine Ehre sein muss, wenn sie, A, eine Idee von ihm/ihr verwendet?